Der
Nazi im Bus
Anna
Frontzeck
Ich
steige in den Bus M29 in Kreuzberg und schlängle mich an den
Fahrgästen vorbei den engen Mittelgang entlang. In der Mitte des
Busses sitzt ein Nazi mit seinem Kampfhund. Der Kampfhund trägt, wie
es das Gesetz vorsieht, einen Maulkorb. Der Nazi hat eine Glatze und
trägt eine Bomberjacke.
Ich weiß
sofort “Das ist ein Nazi”. Der lebt wahrscheinlich in Hellersdorf
oder einem anderen Randbezirk Berlins, wo Nazis halt so leben, und
wohnt in einer Wohnung im Plattenbau. Nachts trifft er sich mit
seinen Saufkumpanen, und sie ziehen gemeinsam durch die Straßen, um
Ausländern das Leben schwer zu machen. Tagsüber arbeitet mein Nazi
in einem ordentlichen deutschen Betrieb und macht dort nicht nur die
Schwerst-, sondern auch die Drecksarbeit. Seinen Kampfhund hat er zum
Töten abgerichtet, und zum Frühstück frisst der Hund und
wahrscheinlich auch sein Besitzer kleine, wehrlose Kurdenkinder, die
hier in illegaler Beschäftigung Zwangsarbeit machen.
“Ja,
so einer ist das!”, sage ich mir und nicke innerlich mit dem Kopf.
Wahrscheinlich
heißt mein Nazi mit Vornamen Heinz, Karl oder Paul und mit Nachnamen
Meier oder Schmidt. Seine Freundin hat blonde Haare und blaue Augen
und färbt sich die Haare zur Betonung des reinen Arischen gleich
noch ein bisschen blonder. Beim Sex murmelt sie so Sachen wie “Heinz,
mein Führer!” oder “du strammer, starker Deutscher!” und
serviert dem Heinz geflissentlich ein gekühltes Berliner zum
abendlichen Fußballspiel. Heinz ist Herthafan und findet Volkswagen
klingt zu kommunistisch. Außerdem hat Heinz tierische Angst vor der
Arbeitslosigkeit. Früher hat Heinz oft als Security gearbeitet und
beim Gebäudeschutz mit seinen Kollegen so richtig den Mann
raushängen gelassen. Heinz findet die Politik greife nicht richtig
durch und dass die deutsche Grenze wieder richtig geschützt werden
müsse. Zu seinem fünften Geburtstag hat Heinz von seinem Vater
einen Baseballschläger geschenkt bekommen. Den hält er bis heute in
Ehren. Heinz Vater, so denkt Heinz, wusste noch, was Ordnung ist.
Ich
beobachte Heinz, den Nazi, von meinem Sitzplatz aus. “Ja, ich weiß,
was das für einer ist!”, denke ich stolz und selbstzufrieden. “Der
Heinz”, denke ich, “ist so ein richtiger Nazi.”
Früher
als Heinz klein war, wollte er unbedingt zur Polizei. So ein
richtiger Held wollte er sein. Einer, der die Welt zusammenhält und
der dem schwachen Geschlecht Bewunderungsrufe entlockt.
Später
ging er dann zum Bund, um seinem Vaterland zu dienen. Jeder weiß, so
dachte sich Heinz, dass Zivildienst etwas für Schwuchteln, Stricher
und Vaterlandsverräter ist. Das Essen beim Bund fand Heinz ganz
vorzüglich.
Am
Samstag geht Heinz zum Boxen, um seinen deutschen Körper zu stählen.
Am Sonntag rasiert sich Heinz seine Haare und trifft sich mit seinen
Parteikameraden. Heinz wählt die NPD, und wenn es die Zeit zulässt,
gehen er und seine Freundin zu den bundesweiten Demonstrationen.
Politik, findet Heinz, ist eigentlich nichts für Frauen, deswegen
verbietet er seiner Freundin auch, zu den wöchentlichen
Parteitreffen zu gehen. Es muss schon alles seine Ordnung haben,
denkt sich Heinz.
Ich
beobachte Heinz von meinem Platz aus und hoffe, dass er mir nicht
ansieht, wie linksliberal ich bin. Heinz, so denke ich, würde mir,
wenn er wüsste, den totalen Krieg erklären und mir mit seinem
Baseballschläger den Kopf einschlagen. Zuerst würde er allerdings
seinen Kampfhund auf mich hetzen. Ich mache mich auf meinem Sitzplatz
etwas kleiner und hoffe, dass es nicht zum Blickkontakt kommt.
“Wie
kann man nur so intolerant sein wie der Heinz?”, denke ich mir und
schüttle mich innerlich vor Abneigung.
Was
macht so einer wie der Heinz überhaupt in Kreuzberg?
Mein
Blick wandert zu seinen Füßen, und ich entdecke erleichtert, dass
Heinz die schwarzen Springerstiefel mit den weißen Schnürsenkeln
heute gegen Turnschuhe eingetauscht hat. Alles andere wäre auch viel
zu auffällig. Wahrscheinlich, denke ich, arbeitet Heinz undercover
für die Anti-Antifa und ist nur in Kreuzberg, um die Lage
auszuspionieren. Heinz ist hier, um herauszubekommen, wie viele
Antifaschisten es in Kreuzberg gibt und ob sich ein Anschlag auf die
soeben fertiggestellte Moschee am Görlitzer Bahnhof lohnt.
Ich
werde wütend über soviel Dreistigkeit und ärgere mich darüber,
dass keiner der anderen Fahrgäste Heinz zu bemerken scheint. Wo ist
die verdammte Antifa, wenn man sie braucht?
“Der
Heinz, der kann mir nichts vormachen.”, denke ich. “So ein
verdammter Nazi!”, denke ich. “Und das in Kreuzberg”, denke
ich. “Da muss doch irgendwer etwas tun.”, denke ich.
An der
nächsten Haltestelle steigt eine ältere deutsche Dame in den Bus.
Heinz steht auf und bietet ihr seinen Sitzplatz an. Aber mir kann er
nichts vormachen, der Heinz. Wäre die Dame Türkin gewesen und hätte
ein Kopftuch getragen, so wäre der Heinz einfach auf seinem Platz
sitzen geblieben. Für eine Ausländerin hätte der sich bestimmt
nicht bewegt. “So ein Arschloch!”, denke ich und “Typisch
Nazi!”, denke ich, „Das kann doch nicht sein, dass dieser Nazi
hier in Kreuzberg unbehelligt durch die Gegend laufen kann.“
Die
nächste Station ist meine. Ich drängle mich an den anderen
Fahrgästen vorbei zur Tür und bleibe genau vor Heinz stehen. Die
Tür öffnet sich, ich hebe den Kopf und schaue Heinz direkt in die
Augen. Ich hole tief Luft, und dann höre ich mich sagen: “Nazis
raus aus Kreuzberg!” Schnell steige ich aus dem Bus, und die Tür
schließt sich hinter mir. Heinz starrt mir durch die Fensterscheibe
nach, den Mund vor Verwunderung halb offen. “Dem hab ich's
gezeigt!”, denke ich und “Endlich hat mal einer was getan!” -
“Mit uns nicht!”, denke ich und fühle mich ein bisschen wie
Robin Hood.
Heinz,
der eigentlich Joachim heißt, steht im M29 und starrt der Person
hinterher, die gerade den Bus verlassen hat. “Nazis raus aus
Kreuzberg!” dröhnt in seinem Kopf. Verdattert schaut er auf die
Leine an seinem Handgelenk und betrachtet den Kampfhund zu seinen
Füßen.
Wieso
hat er sich bloß dazu bereit erklärt, mit dem Hund seiner Nachbarin
zum Tierarzt zu gehen? Hat er nicht mit seinem Studium bereits genug
zu tun? Nächste Woche beginnen die Semesterferien, und er muss sich
dringend auf die darauf folgenden Prüfungen vorbereiten. Joachim
studiert Sozialwissenschaften.
“Nazis
raus aus Kreuzberg!”, hat diese Frau zu ihm gesagt. Joachim
schüttelt den Kopf. Seit 20 Jahren lebt er in Kreuzberg, aber so
etwas ist ihm noch nie passiert. Er streicht sich mit seiner freien
Hand über die frisch rasierte Glatze. “Diese blöde Wette!”,
denkt er. Bis gestern hatte Joachim noch schulterlange, braune Haare.
Eine Wette mit seinen Studienkollegen hat dazu geführt, dass er sie
sich kurz rasieren musste.
Der Hund
zu seinen Füßen bewegt sich unruhig. An der nächsten Station
steigt Joachim aus und zieht den störrischen Hund hinter sich her.
Er ärgert sich über sich selbst und seine Nachbarin. Irgendwie
schafft sie es immer wieder, ihn zu Dingen zu überreden, die er
eigentlich gar nicht machen will.
Beim
Tierarzt angekommen setzt sich Joachim in das Wartezimmer, in dem
außer ihm noch eine junge Frau mit einer Katze sitzt. Sie ist
ungefähr 30 Jahre alt, und ihre Kleidung wirkt teuer und gut
gepflegt. Ihr Äußeres macht einen leicht peniblen Eindruck. Sie
scheint unruhig zu sein und schaut in regelmäßigen Abständen immer
wieder auf die Uhr. “Wahrscheinlich”, schlussfolgert Joachim,
“hat sie im Anschluss noch einen dringenden Geschäftstermin.” So
eine wie die lebt bestimmt in einer Vier-Zimmer-Wohnung in Prenzlauer
Berg, ist alleinstehend und aus München oder Nürnberg hergezogen.
Die Frau
knibbelt nervös an ihren sauber lackierten Fingernägeln und murmelt
der Katze beruhigende Worte zu.
“Mehr
der Katzentyp. Eigentlich ganz süß. Die hat bestimmt keine Probleme
vor großen Menschenmassen Vorträge zu halten” Joachim denkt mit
Grauen an das Referat, das er bald halten muss. Auf Joachim wirkt die
Frau wie eine dieser erfolgreichen Geschäftsfrauen, die sich außer
um sich und ihre Katze um nichts kümmern muss. “Ihr Konto ist
bestimmt kein Anlass zur Sorge”, denkt Joachim.
Zum
Frühstück isst diese Frau bestimmt ein Müsli und einen Joghurt und
abends nach diversen Geschäftstreffen geht sie ins Fitnessstudio
oder zum Yogakurs. Joachim beneidet diese Frau ein wenig um ihren
straigthen Lebenswandel und denkt kurz, wie gerne er mit ihr tauschen
würde. Bestimmt hat sie ihren Magister in Marketing oder Design mit
Bravour bestanden und auch sonst nicht viele Probleme.
Bestimmt
würde eine wie die nie mit mir reden, und so unsicher wie ich wäre
sie auch nicht, denkt Joachim und schaut an sich herunter, betrachtet
die Bomberjacke, die er sich von einem Freund geliehen hat und starrt
den Hund seiner Nachbarin an.
“Der
Nächste, bitte.”, sagt die Sprechstundenhilfe, und die junge Frau
und ihre Katze verlassen den Raum.
Sybille
betritt die Praxis des Tierarztes. Sie ist ein bisschen nervös und
hat außerdem heute noch so viel zu erledigen. Sie hofft, dass sie
den Termin beim Tierarzt möglichst schnell hinter sich bringen kann.
Die Kinder sind heute bei ihrer Mutter, und sie muss noch zu einem
Vorstellungstermin. Das Leben als Alleinerziehende ist nicht einfach,
denkt sie.
Zum
Glück gehen die beiden Kleinen jetzt schon in den Kindergarten. So
kann sie sich endlich einen Halbtagsjob suchen. Seit drei Jahren lebt
Sybille jetzt schon vom Arbeitsamt, und das Geld reicht vorne und
hinten nicht.
Und
jetzt, ausgerechnet jetzt, ist auch noch die verdammte Katze krank
geworden. Die Katze hat damals ihr Exfreund, der Vater ihrer Kinder,
angeschleppt, und natürlich ist die jetzt an ihr hängen geblieben.
Sybille mag eigentlich keine Katzen. Aber den Kindern ist Mopsi
wichtig. Kümmern tun sie sich allerdings nicht um das Vieh. Sybille
schaut auf den schwarzen Fellball und erklärt dem Tierarzt, was los
ist. Mopsi hat Durchfall.
Sybille
spricht nicht gerne vor anderen Leuten und ist auch sonst sehr
schüchtern. Sie hat ziemliche Angst vor dem Vorstellungsgespräch
und ist sich nicht sicher, ob sie den Anforderungen des Jobs gerecht
wird. Wie gerne würde sie den Kindern ab und zu etwas gönnen, aber
die Finanzen der Familie sind knapp, besonders da Michael keinen
Unterhalt zahlt.
Der Typ
im Wartezimmer war eigentlich ganz süß, denkt Sybille. Richtig
nervös hat er sie gemacht. Sie hätte gerne mit ihm gesprochen, aber
getraut hat sie sich nicht. Die verdammte Schüchternheit, denkt
Sybille. Sybille hätte gerne einen Hund, so wie der Typ im
Wartezimmer.
Sie
schaut an sich herunter und fühlt sich ein wenig unbehaglich in den
feinen Klamotten, die ihre Mutter ihr geliehen hat. Eigentlich ist
sie ja eher der Jogginghosentyp. Gemütlich muss es sein und
praktisch, denkt sie sich. Was man für einen Job nicht alles tut.
Ihr
Magen knurrt, sie hat noch nichts gefrühstückt. Sie ist ihrer
Mutter sehr dankbar, dass diese ihr die Kinder ab und zu mal abnimmt.
Sie ist so eine gute Oma, denkt Sybille. So eine richtig gute Oma.
Sybilles
Mutter, Isolde, ist bei sich zu Hause zusammen mit ihren
Enkelkindern.
Sie kann
Kinder nicht ausstehen.
Natürlich
würde sie das vor Sybille niemals zugeben. Sybille ist geradezu
vernarrt in ihre beiden Kinder und als Großmutter fühlt sich Isolde
verpflichtet, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Aber in ihrem
Inneren sind ihr die Kinder verhasst. Sie findet sie zu laut und zu
unruhig, und sie kann einfach nichts niedlich daran finden, verrotzte
Nasen und verklebte Münder abzuwischen. Außerdem bringen Kinder
alles in Unordnung, findet Isolde. Schon damals als Sybille noch ein
kleines Mädchen war, empfand Isolde ihre Pflichten als Mutter eher
belastend.
Jetzt
sitzt Isolde in ihrem Wohnzimmer, hört sich das ohrenbetäubende
Geschrei ihrer Enkelkinder an und flüchtet sich in ihre Tagträume.
Meistens träumt sich Isolde in eine Zeit zurück, in der Sybille
noch nicht geboren war. Sie stellt sich vor, wie sie ihr Studium
beendet und dann als erfolgreiche Geologin an interessanten Orten
ihre Zeit verbringt. Dann denkt sie an Hans.
Hans war
ein viel versprechender Jurastudent, der ihr damals , kurz bevor sie
schwanger wurde, auf einer der aufregenden Studentenparties begegnete
und mit dem sie einen Abend voll interessanter Gespräche mit viel
Witz und Charme verbrachte. Sie fragt sich, was wohl aus ihr und Hans
geworden wäre, wäre da nicht diese verhängnisvolle Nacht gewesen,
in der Sybille gezeugt wurde. Leider war nicht Hans der Vater.
Sie malt
sich ihre Zukunft mit Hans in rosaroten Farben aus und übertönt mit
diesen Gedanken das Geschrei ihrer Enkelkinder. Sie ist sich sicher,
dass Hans und sie noch heute glücklich miteinander wären und auch
kinderlos eine erfüllende Ehe geführt hätten. Isolde seufzt und
wendet sich wieder dem Alltagsgeschehen und ihren Enkelkindern zu,
die sich gerade um ein paar Legosteine streiten.
Einige
Häuserblocks entfernt ist Hans gerade damit beschäftigt, einige
Einkaufstüten in einen Einkaufswagen zu hieven und den Einkaufswagen
die Straße entlang zu schieben. Das tut er nicht, weil er gerade
seinen Wocheneinkauf erledigt hat.
Die
Einkaufstüten im Wagen sind alles, was Hans besitzt. Hans ist
obdachlos.
Obwohl
damals während seines Jurastudium alles so aussah, als habe Hans
eine rosige Zukunft vor sich, als stünden ihm alle Türen der Welt
offen, kam es anders, als man denkt und anders, als es sich Hans
vorgestellt hatte. Aber jetzt will Hans nicht an das Vergangene
denken. Was vergangen ist, ist vergangen und lässt sich nicht mehr
ändern.
Jetzt
denkt Hans daran, dass er zum Roten Kreuz gehen will und sich dort
ein neues Paar Schuhe besorgen wird. Jetzt denkt Hans daran, dass er
sich und seinen Einkaufswagen zur Bahnhofsmission schieben wird, um
dort die Nacht zu verbringen. Jetzt denkt Hans daran, dass der Sommer
bald kommt und es dann leichter wird, einen Schlafplatz im Park zu
finden und dass er heute noch nichts gegessen hat. Und dann denkt
Hans mit einer leichten Traurigkeit im Magen daran, dass es wohl
niemanden mehr gibt, der noch an ihn denkt. An Isolde denkt Hans
nicht. Er erinnert sich kaum an sie, er denkt nur daran, wie sehr er
sich darauf freut, bald ein neues Paar Schuhe zu besitzen. Hans denkt
daran, dass der Sommer bald kommt und sieht den M29 an sich
vorbeifahren.
Im M29
sitzt ein Nazi, der keiner ist, auf dem Weg nach Hause.
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