Freitag, 25. Juli 2014

Der Nazi im Buss ( Geschichte für Erwachsene)


Der Nazi im Bus
Anna Frontzeck


Ich steige in den Bus M29 in Kreuzberg und schlängle mich an den Fahrgästen vorbei den engen Mittelgang entlang. In der Mitte des Busses sitzt ein Nazi mit seinem Kampfhund. Der Kampfhund trägt, wie es das Gesetz vorsieht, einen Maulkorb. Der Nazi hat eine Glatze und trägt eine Bomberjacke.
Ich weiß sofort “Das ist ein Nazi”. Der lebt wahrscheinlich in Hellersdorf oder einem anderen Randbezirk Berlins, wo Nazis halt so leben, und wohnt in einer Wohnung im Plattenbau. Nachts trifft er sich mit seinen Saufkumpanen, und sie ziehen gemeinsam durch die Straßen, um Ausländern das Leben schwer zu machen. Tagsüber arbeitet mein Nazi in einem ordentlichen deutschen Betrieb und macht dort nicht nur die Schwerst-, sondern auch die Drecksarbeit. Seinen Kampfhund hat er zum Töten abgerichtet, und zum Frühstück frisst der Hund und wahrscheinlich auch sein Besitzer kleine, wehrlose Kurdenkinder, die hier in illegaler Beschäftigung Zwangsarbeit machen.
Ja, so einer ist das!”, sage ich mir und nicke innerlich mit dem Kopf.
Wahrscheinlich heißt mein Nazi mit Vornamen Heinz, Karl oder Paul und mit Nachnamen Meier oder Schmidt. Seine Freundin hat blonde Haare und blaue Augen und färbt sich die Haare zur Betonung des reinen Arischen gleich noch ein bisschen blonder. Beim Sex murmelt sie so Sachen wie “Heinz, mein Führer!” oder “du strammer, starker Deutscher!” und serviert dem Heinz geflissentlich ein gekühltes Berliner zum abendlichen Fußballspiel. Heinz ist Herthafan und findet Volkswagen klingt zu kommunistisch. Außerdem hat Heinz tierische Angst vor der Arbeitslosigkeit. Früher hat Heinz oft als Security gearbeitet und beim Gebäudeschutz mit seinen Kollegen so richtig den Mann raushängen gelassen. Heinz findet die Politik greife nicht richtig durch und dass die deutsche Grenze wieder richtig geschützt werden müsse. Zu seinem fünften Geburtstag hat Heinz von seinem Vater einen Baseballschläger geschenkt bekommen. Den hält er bis heute in Ehren. Heinz Vater, so denkt Heinz, wusste noch, was Ordnung ist.
Ich beobachte Heinz, den Nazi, von meinem Sitzplatz aus. “Ja, ich weiß, was das für einer ist!”, denke ich stolz und selbstzufrieden. “Der Heinz”, denke ich, “ist so ein richtiger Nazi.”
Früher als Heinz klein war, wollte er unbedingt zur Polizei. So ein richtiger Held wollte er sein. Einer, der die Welt zusammenhält und der dem schwachen Geschlecht Bewunderungsrufe entlockt.
Später ging er dann zum Bund, um seinem Vaterland zu dienen. Jeder weiß, so dachte sich Heinz, dass Zivildienst etwas für Schwuchteln, Stricher und Vaterlandsverräter ist. Das Essen beim Bund fand Heinz ganz vorzüglich.
Am Samstag geht Heinz zum Boxen, um seinen deutschen Körper zu stählen. Am Sonntag rasiert sich Heinz seine Haare und trifft sich mit seinen Parteikameraden. Heinz wählt die NPD, und wenn es die Zeit zulässt, gehen er und seine Freundin zu den bundesweiten Demonstrationen. Politik, findet Heinz, ist eigentlich nichts für Frauen, deswegen verbietet er seiner Freundin auch, zu den wöchentlichen Parteitreffen zu gehen. Es muss schon alles seine Ordnung haben, denkt sich Heinz.
Ich beobachte Heinz von meinem Platz aus und hoffe, dass er mir nicht ansieht, wie linksliberal ich bin. Heinz, so denke ich, würde mir, wenn er wüsste, den totalen Krieg erklären und mir mit seinem Baseballschläger den Kopf einschlagen. Zuerst würde er allerdings seinen Kampfhund auf mich hetzen. Ich mache mich auf meinem Sitzplatz etwas kleiner und hoffe, dass es nicht zum Blickkontakt kommt.
Wie kann man nur so intolerant sein wie der Heinz?”, denke ich mir und schüttle mich innerlich vor Abneigung.
Was macht so einer wie der Heinz überhaupt in Kreuzberg?
Mein Blick wandert zu seinen Füßen, und ich entdecke erleichtert, dass Heinz die schwarzen Springerstiefel mit den weißen Schnürsenkeln heute gegen Turnschuhe eingetauscht hat. Alles andere wäre auch viel zu auffällig. Wahrscheinlich, denke ich, arbeitet Heinz undercover für die Anti-Antifa und ist nur in Kreuzberg, um die Lage auszuspionieren. Heinz ist hier, um herauszubekommen, wie viele Antifaschisten es in Kreuzberg gibt und ob sich ein Anschlag auf die soeben fertiggestellte Moschee am Görlitzer Bahnhof lohnt.
Ich werde wütend über soviel Dreistigkeit und ärgere mich darüber, dass keiner der anderen Fahrgäste Heinz zu bemerken scheint. Wo ist die verdammte Antifa, wenn man sie braucht?
Der Heinz, der kann mir nichts vormachen.”, denke ich. “So ein verdammter Nazi!”, denke ich. “Und das in Kreuzberg”, denke ich. “Da muss doch irgendwer etwas tun.”, denke ich.
An der nächsten Haltestelle steigt eine ältere deutsche Dame in den Bus. Heinz steht auf und bietet ihr seinen Sitzplatz an. Aber mir kann er nichts vormachen, der Heinz. Wäre die Dame Türkin gewesen und hätte ein Kopftuch getragen, so wäre der Heinz einfach auf seinem Platz sitzen geblieben. Für eine Ausländerin hätte der sich bestimmt nicht bewegt. “So ein Arschloch!”, denke ich und “Typisch Nazi!”, denke ich, „Das kann doch nicht sein, dass dieser Nazi hier in Kreuzberg unbehelligt durch die Gegend laufen kann.“
Die nächste Station ist meine. Ich drängle mich an den anderen Fahrgästen vorbei zur Tür und bleibe genau vor Heinz stehen. Die Tür öffnet sich, ich hebe den Kopf und schaue Heinz direkt in die Augen. Ich hole tief Luft, und dann höre ich mich sagen: “Nazis raus aus Kreuzberg!” Schnell steige ich aus dem Bus, und die Tür schließt sich hinter mir. Heinz starrt mir durch die Fensterscheibe nach, den Mund vor Verwunderung halb offen. “Dem hab ich's gezeigt!”, denke ich und “Endlich hat mal einer was getan!” - “Mit uns nicht!”, denke ich und fühle mich ein bisschen wie Robin Hood.

Heinz, der eigentlich Joachim heißt, steht im M29 und starrt der Person hinterher, die gerade den Bus verlassen hat. “Nazis raus aus Kreuzberg!” dröhnt in seinem Kopf. Verdattert schaut er auf die Leine an seinem Handgelenk und betrachtet den Kampfhund zu seinen Füßen.
Wieso hat er sich bloß dazu bereit erklärt, mit dem Hund seiner Nachbarin zum Tierarzt zu gehen? Hat er nicht mit seinem Studium bereits genug zu tun? Nächste Woche beginnen die Semesterferien, und er muss sich dringend auf die darauf folgenden Prüfungen vorbereiten. Joachim studiert Sozialwissenschaften.
Nazis raus aus Kreuzberg!”, hat diese Frau zu ihm gesagt. Joachim schüttelt den Kopf. Seit 20 Jahren lebt er in Kreuzberg, aber so etwas ist ihm noch nie passiert. Er streicht sich mit seiner freien Hand über die frisch rasierte Glatze. “Diese blöde Wette!”, denkt er. Bis gestern hatte Joachim noch schulterlange, braune Haare. Eine Wette mit seinen Studienkollegen hat dazu geführt, dass er sie sich kurz rasieren musste.
Der Hund zu seinen Füßen bewegt sich unruhig. An der nächsten Station steigt Joachim aus und zieht den störrischen Hund hinter sich her. Er ärgert sich über sich selbst und seine Nachbarin. Irgendwie schafft sie es immer wieder, ihn zu Dingen zu überreden, die er eigentlich gar nicht machen will.
Beim Tierarzt angekommen setzt sich Joachim in das Wartezimmer, in dem außer ihm noch eine junge Frau mit einer Katze sitzt. Sie ist ungefähr 30 Jahre alt, und ihre Kleidung wirkt teuer und gut gepflegt. Ihr Äußeres macht einen leicht peniblen Eindruck. Sie scheint unruhig zu sein und schaut in regelmäßigen Abständen immer wieder auf die Uhr. “Wahrscheinlich”, schlussfolgert Joachim, “hat sie im Anschluss noch einen dringenden Geschäftstermin.” So eine wie die lebt bestimmt in einer Vier-Zimmer-Wohnung in Prenzlauer Berg, ist alleinstehend und aus München oder Nürnberg hergezogen.
Die Frau knibbelt nervös an ihren sauber lackierten Fingernägeln und murmelt der Katze beruhigende Worte zu.
Mehr der Katzentyp. Eigentlich ganz süß. Die hat bestimmt keine Probleme vor großen Menschenmassen Vorträge zu halten” Joachim denkt mit Grauen an das Referat, das er bald halten muss. Auf Joachim wirkt die Frau wie eine dieser erfolgreichen Geschäftsfrauen, die sich außer um sich und ihre Katze um nichts kümmern muss. “Ihr Konto ist bestimmt kein Anlass zur Sorge”, denkt Joachim.
Zum Frühstück isst diese Frau bestimmt ein Müsli und einen Joghurt und abends nach diversen Geschäftstreffen geht sie ins Fitnessstudio oder zum Yogakurs. Joachim beneidet diese Frau ein wenig um ihren straigthen Lebenswandel und denkt kurz, wie gerne er mit ihr tauschen würde. Bestimmt hat sie ihren Magister in Marketing oder Design mit Bravour bestanden und auch sonst nicht viele Probleme.
Bestimmt würde eine wie die nie mit mir reden, und so unsicher wie ich wäre sie auch nicht, denkt Joachim und schaut an sich herunter, betrachtet die Bomberjacke, die er sich von einem Freund geliehen hat und starrt den Hund seiner Nachbarin an.
Der Nächste, bitte.”, sagt die Sprechstundenhilfe, und die junge Frau und ihre Katze verlassen den Raum.

Sybille betritt die Praxis des Tierarztes. Sie ist ein bisschen nervös und hat außerdem heute noch so viel zu erledigen. Sie hofft, dass sie den Termin beim Tierarzt möglichst schnell hinter sich bringen kann. Die Kinder sind heute bei ihrer Mutter, und sie muss noch zu einem Vorstellungstermin. Das Leben als Alleinerziehende ist nicht einfach, denkt sie.
Zum Glück gehen die beiden Kleinen jetzt schon in den Kindergarten. So kann sie sich endlich einen Halbtagsjob suchen. Seit drei Jahren lebt Sybille jetzt schon vom Arbeitsamt, und das Geld reicht vorne und hinten nicht.
Und jetzt, ausgerechnet jetzt, ist auch noch die verdammte Katze krank geworden. Die Katze hat damals ihr Exfreund, der Vater ihrer Kinder, angeschleppt, und natürlich ist die jetzt an ihr hängen geblieben. Sybille mag eigentlich keine Katzen. Aber den Kindern ist Mopsi wichtig. Kümmern tun sie sich allerdings nicht um das Vieh. Sybille schaut auf den schwarzen Fellball und erklärt dem Tierarzt, was los ist. Mopsi hat Durchfall.
Sybille spricht nicht gerne vor anderen Leuten und ist auch sonst sehr schüchtern. Sie hat ziemliche Angst vor dem Vorstellungsgespräch und ist sich nicht sicher, ob sie den Anforderungen des Jobs gerecht wird. Wie gerne würde sie den Kindern ab und zu etwas gönnen, aber die Finanzen der Familie sind knapp, besonders da Michael keinen Unterhalt zahlt.
Der Typ im Wartezimmer war eigentlich ganz süß, denkt Sybille. Richtig nervös hat er sie gemacht. Sie hätte gerne mit ihm gesprochen, aber getraut hat sie sich nicht. Die verdammte Schüchternheit, denkt Sybille. Sybille hätte gerne einen Hund, so wie der Typ im Wartezimmer.
Sie schaut an sich herunter und fühlt sich ein wenig unbehaglich in den feinen Klamotten, die ihre Mutter ihr geliehen hat. Eigentlich ist sie ja eher der Jogginghosentyp. Gemütlich muss es sein und praktisch, denkt sie sich. Was man für einen Job nicht alles tut.
Ihr Magen knurrt, sie hat noch nichts gefrühstückt. Sie ist ihrer Mutter sehr dankbar, dass diese ihr die Kinder ab und zu mal abnimmt. Sie ist so eine gute Oma, denkt Sybille. So eine richtig gute Oma.

Sybilles Mutter, Isolde, ist bei sich zu Hause zusammen mit ihren Enkelkindern.
Sie kann Kinder nicht ausstehen.
Natürlich würde sie das vor Sybille niemals zugeben. Sybille ist geradezu vernarrt in ihre beiden Kinder und als Großmutter fühlt sich Isolde verpflichtet, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Aber in ihrem Inneren sind ihr die Kinder verhasst. Sie findet sie zu laut und zu unruhig, und sie kann einfach nichts niedlich daran finden, verrotzte Nasen und verklebte Münder abzuwischen. Außerdem bringen Kinder alles in Unordnung, findet Isolde. Schon damals als Sybille noch ein kleines Mädchen war, empfand Isolde ihre Pflichten als Mutter eher belastend.
Jetzt sitzt Isolde in ihrem Wohnzimmer, hört sich das ohrenbetäubende Geschrei ihrer Enkelkinder an und flüchtet sich in ihre Tagträume. Meistens träumt sich Isolde in eine Zeit zurück, in der Sybille noch nicht geboren war. Sie stellt sich vor, wie sie ihr Studium beendet und dann als erfolgreiche Geologin an interessanten Orten ihre Zeit verbringt. Dann denkt sie an Hans.
Hans war ein viel versprechender Jurastudent, der ihr damals , kurz bevor sie schwanger wurde, auf einer der aufregenden Studentenparties begegnete und mit dem sie einen Abend voll interessanter Gespräche mit viel Witz und Charme verbrachte. Sie fragt sich, was wohl aus ihr und Hans geworden wäre, wäre da nicht diese verhängnisvolle Nacht gewesen, in der Sybille gezeugt wurde. Leider war nicht Hans der Vater.
Sie malt sich ihre Zukunft mit Hans in rosaroten Farben aus und übertönt mit diesen Gedanken das Geschrei ihrer Enkelkinder. Sie ist sich sicher, dass Hans und sie noch heute glücklich miteinander wären und auch kinderlos eine erfüllende Ehe geführt hätten. Isolde seufzt und wendet sich wieder dem Alltagsgeschehen und ihren Enkelkindern zu, die sich gerade um ein paar Legosteine streiten.

Einige Häuserblocks entfernt ist Hans gerade damit beschäftigt, einige Einkaufstüten in einen Einkaufswagen zu hieven und den Einkaufswagen die Straße entlang zu schieben. Das tut er nicht, weil er gerade seinen Wocheneinkauf erledigt hat.
Die Einkaufstüten im Wagen sind alles, was Hans besitzt. Hans ist obdachlos.
Obwohl damals während seines Jurastudium alles so aussah, als habe Hans eine rosige Zukunft vor sich, als stünden ihm alle Türen der Welt offen, kam es anders, als man denkt und anders, als es sich Hans vorgestellt hatte. Aber jetzt will Hans nicht an das Vergangene denken. Was vergangen ist, ist vergangen und lässt sich nicht mehr ändern.
Jetzt denkt Hans daran, dass er zum Roten Kreuz gehen will und sich dort ein neues Paar Schuhe besorgen wird. Jetzt denkt Hans daran, dass er sich und seinen Einkaufswagen zur Bahnhofsmission schieben wird, um dort die Nacht zu verbringen. Jetzt denkt Hans daran, dass der Sommer bald kommt und es dann leichter wird, einen Schlafplatz im Park zu finden und dass er heute noch nichts gegessen hat. Und dann denkt Hans mit einer leichten Traurigkeit im Magen daran, dass es wohl niemanden mehr gibt, der noch an ihn denkt. An Isolde denkt Hans nicht. Er erinnert sich kaum an sie, er denkt nur daran, wie sehr er sich darauf freut, bald ein neues Paar Schuhe zu besitzen. Hans denkt daran, dass der Sommer bald kommt und sieht den M29 an sich vorbeifahren.

Im M29 sitzt ein Nazi, der keiner ist, auf dem Weg nach Hause.

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